Type for Democracy!
Seit ich weiß, dass Eric Gill seine eigenen Töchter missbraucht hat, kann ich seine Schriften nicht mehr wertschätzen – geschweige denn verwenden. Mir wird schlecht dabei! Wir dürfen solche Verbrechen nicht von Kunst, Typografie und Design trennen oder ihre Bedeutung verharmlosen.
Mein sechster Beitrag der Reihe #typefordemocracy beschäftigt sich damit, wie wir mit Schriften und ihren Urheber*innen umgehen, wenn diese Missbrauch, Unterdrückung oder Ausgrenzung begangen oder bewusst unterstützt haben. Was machen wir als Gesellschaft mit einem künstlerischen Erbe, das typografisch bedeutend ist, aber aus einer zutiefst problematischen Quelle stammt? Als Designerinnen wollen wir, dass Typografie mehr ist als ein leeres Gefäß. Als Typografinnen streben wir danach, dass unsere gut gestalteten Schriften sinnvoll und wertschätzend eingesetzt werden. Schließlich ist Typografie auch ein Produkt – eines, das angemessen verkauft und gewürdigt werden sollte. Eine Schrift – oder gar eine gesamte Schriftfamilie – zu entwickeln, ist ein mühsamer Prozess.
Doch ich frage mich: Warum gibt es auf Schriftplattformen keinen kritischen Diskurs? Monotype, MyFonts Inc. und Adobe Fonts verbreiten Gills Schriften weiterhin – ohne Kontext. Zwar wurden seine Fonts längst von anderen digitalisiert, dennoch werden sie dort weiterhin unter seinem Namen vermarktet. Viele Unternehmen nutzen Gill Sans, Perpetua und Joanna als Hausschrift, um Werte und Produkte positiv zu kommunizieren – oft ohne jede Kenntnis der Geschichte dahinter.
Letzte Woche hat der Deutsche Bundestag einstimmig ein Gesetz verabschiedet, das den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung stärkt. Ein kraftvolles Zeichen dafür, dass die Demokratie die Pflicht hat, Menschen zu schützen – insbesondere die Schwächsten in unserer Gesellschaft. Genau dafür ist Demokratie da!
Das erinnert mich daran, dass eine aufgeklärte Diskussion über unsere Designgeschichte längst überfällig ist. Wer Gills Schriften verwendet, sollte sich ihrer Herkunft bewusst sein – und hinterfragen, ob dies ethisch vertretbar ist. Designgeschichte kann nicht losgelöst von den Biografien ihrer Schöpfer betrachtet werden.
🔠 Zur Schrift in diesem Beitrag: Es handelt sich um eine selbst entworfene Schrift – eine Neuinterpretation einer historischen Emaille-Werbeschrift. Vom Original gab es nur wenige Buchstaben, sodass rund 20 Zeichen abgeleitet oder neu interpretiert werden mussten, um ein vollständiges Versal-Alphabet zu erstellen. Über den ursprünglichen Gestalter ist (bisher) leider nichts bekannt.
📣 Mach mit: Teile deine Schriftentwürfe – fertig oder unfertig – in der gezeigten Titelzeile und mit dem Hashtag #typefordemocracy. Erzähle auch, was dich inspiriert hat. Lasst uns gemeinsam Zeichen setzen! Demokratie ist keine Meinung, sondern ein Grundrecht, das (nicht nur) im deutschen Grundgesetz verankert ist. Also: Geht wählen. Wählt demokratisch!